Preußische Invasion in Großmergthal (1866)

Preußische Invasion in Großmergthal (1866)

Beitragvon Mario » Mo 29. Aug 2016, 15:33

"... Am 24. Juni Mittags marschirten preußische Truppen u. z. zuerst eine starke Patrouille Cavallerie und gleich darauf viele Infanterie, Cavallerie und Artillerie unter dem General von Schöler, von Sächsisch-Waltersdorf kommend, in Großmergthal ein; der Einmarsch dauerte einige Stunden. Nur die Offiziere quartirten sich in die Häuser ein, die Mannschaft lagerte auf den Feldern in 3 Lagern, in welchen sie viele Hundert Hütten baute. Das Material dazu wurde aus den nächsten Waldungen, 15-50jährigen Beständen, geholt und auf 30 Joch Grundstücken sämmtliche Früchte vernichtet, Der Schade an Feldern und Wiesen beträgt 1463 fl.50 kr., an der Waldung 374 fl. 10 kr. Gleich nach dem Einmarsche wurden unerschwingliche Requisitionsforderungen gestellt. Da deshalb der Herr Gemeindevorsteher Franz Schier Vorstellungen machte, requrirten die Preußen von Haus zu Haus. Sie benahmen sich hiebei wie die Kinder, denn was sie sahen, das mußten sie haben; mehrere Insassen mußten die requirirten Gegenstände in die Lager schaffen. Nach Angabe eines Offiziers hatten am 24. Juni 34000 Mann von Sächsisch-Waltersdorfher die Grenze überschritten; 18000 Mann übernachteten in Großmergthal, die übrigen 16000 Mann in den angrenzenden Ortschaften Juliusthal, Krombach, Schanzendorf, Nieder- und Oberlichtenwalde. – Am 25. Juni Früh um 6 Uhr mrschirten die Truppen weiter, andere folgten sofort nachund dauerte der Durchmarsch bis gegen Mittag. Auch Nachmittags kamen noch einzelne kleine Abtheilungen mit vielen Proviantwagen. An diesem Tage kam ein Lieutenant zum Gemeindevorsteher, welcher gerade krank war, und verlangte wieder eine bedeutende Lieferung. Da der Vorsteher erklärte, daß das Verlangte nicht mehr vorhanden sei, zog der Herr Lieutenant den Säbel und schrie den Gemeindevorsteher in der größten Aufregung an: „Willst Du schaffen? Willst Du sterben? ...“ Auch ein Gemeiner benahm sich recht tadelnswerth; er durchsuchte in der oberen Stube des Gemeindevorstehers, wo Niemand wohnte, alle Laden, nachdem er sich dieselben selbst geöffnet hatte. – Auch am 26. Juni erfolgten Durchmärsche, wobei 30 Kanonen waren; ein Bataillon des 2. Garde-Landwehr-Regimentes übernachtete in Großmergthal. Im Ganzen sollen hier am 24., 25. Und 26. Juni 60.000 Mann durchgegangen sein, welche größtentheils über Gabel weiter marschirten.
Bei’m Rückmarsche sind blos einige Tausend Mann Infanterie und Fuhrwesen hier durchgegangen; nur zwei Mal übernachteten einzelne Abtheilungen von Fuhrwesen u. z. zuerst 121 Mann mit 228 Pferden, dann 79 Mann mit 159 Pferden. – Das Benehmen des Feindes kann im Ganzen nicht getadelt werden; besonders haben sich die Rheinländer und das 2. Garde-Landwehr-Regiment human benommen. Unkraut wuchert ja überall unter dem Weizen. Die Preußen ließen bei der Invasion mehrere heilige Messen lesen. Am 25. Juni hielten in dem einen Lager die preußischen Geistlichen zwei Ansprachen, in denen mit Gewißheit verkündet wurde: Der Sieg ist unser! Nun – die Mannschaft war nicht besonders siegesbewußt, sie zeigte vielmehr sehr große Furcht. – Der Schade der Gemeinde an Requisitionen*) beträgt 4478 fl. 46 kr. ..."

*)Requirirt wurde die Beköstigung für den Stab der 31. Infanterie-Brigade, dann für den Major und einige Offiziere vom 2. Garde-Landwehr-Regimente, zusammen 30 Portionen; ferner 55 Flaschen Wein, 10 1/8 Faß Bier, 15 ¾ Eimer Branntwein, 39 Pfd. Rauchtabak, 917 Stück Zigarren, 70 Pfd. Kaffee, 26 Pfd. Zucker, 1 ½ Ztr. Reis, 55 ½ Pfd. Salz, 594 Brote, ½ Strich Mehl, 183 ½ Pfd. Butter, 2 Ztr. 54 Pfd. Speck, 23 Stück Schlachtvieh, 174 ¼ Strich Erdäpfel, 32 ½ Strich Korn, 89 ½ Strich Hafer, 269 ½ Ztr. Heu, 27 1/8 Schock Stroh, 20 Stück Stiefeleisen, 28 Klftr. Holz, 10 1/6 Schock Reisig und 12 Schock Stangen. Die Gemeinde zählt zwar 238 Nummern mit über 1400 Einwohnern, allein hierunter sind nur 54 Grundbesitzer, vondenen kaum die Hälfte ihr ganzjähriges Brot erbaut, die übrigen sind Häusler ohne Felder und Inwohner, welche sich mühsam von der Lohnweberei ernähren.

Quelle: Chronik der Preußischen Invasion des nördlichen Böhmens im Jahre 1866 (von A. Jahnel)
Mario
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